Eine häufig formulierte Aussage von kirchlich/religiöser Seite ist es, dass es ohne Religion keine Ethik geben würde. Diese Aussage lässt sich empirisch überprüfen. Zum einen, ob sie widerlegen ist. Zum anderen, wenn es stimmt, wieso?
Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm, ist dieser Frage einmal nachgegangen und hat internationale Forschungsergebnisse aufbereitet. Hypothese ist, dass die Idee eines allwissenden, omnipräsenten Gottes wesentlich zur Stabilisierung großer menschlicher Gesellschaften beitragen könnte.
Verschiedene Forschungsergebnisse zur Frage, ob es eine religiöse oder eine säkulare Begründung für sozial konformes Verhalten gibt, zeigen zwei Begründungen. Zum einen muss es kein Gott sein, es kann auch die diffuse Idee eines angeblich anwesenden "Geistes" sein. Zweitens, es kommt nur darauf an, dem Menschen den Eindruck zu vermitteln., dass er bei seinem Tun beobachtet wird (zum Beispiel beim Einzahlen in die Kaffeekasse) – mit dem Risiko, bei Nichteinhaltung erwischt zu werden –, und es funktioniert. Bereits das vorhandene (und bewusst nicht unbedingt wahrgenommene) Foto eines Augenpaares lässt die Menschen erheblich "ehrlicher" sein, als ohne ein derartiges Bild.
Insofern braucht es für ein sozial konformes Verhalten aus Angst keine religiöse Anbindung an die Furcht vor einem alles sehenden Gott, es reicht bereits das Gefühl, beobachtet zu werden – sei es von einem Kollegen oder von der Polizei.